Ein Open Stage Song Contest im SO36 – von Wenzel Mehnert

von Wenzel Mehnert // Fotos: Hannes Wagner

Gefühlt waren wir irgendwo zwischen Provinz und den frühen 2000ern, aber nicht in Berlin:

Mit jedem Bier wurden die Bands besser, was mein Begleiter auf das Bier schob, ich eher auf die Kuration der Bewerber. Ebenso wurde auch unsere profunde Kritik immer qualifizierter. Der Abend präsentierte alles, was man musikalisch aus zwei Gitarren, einem Bass und einem Schlagzeug herausholen konnte: von Indie bis Metal über Prog Rock und Punk.

Der Lichtblick der Veranstaltung – und zugegeben auch der Grund, weshalb ich da war: Peter und Band, die.

Peter und Band komma die im SO36

Technisch einwandfrei waren alle Bands auf ihre Weise. Allesamt eiferten sie ihren Idolen nach, die sie über musikalische Zitationen bis in die Perfektion kopierten, ohne abzuschreiben. Wir machten uns ein Spiel draus, wer als erstes die Vorlagen erkannte. „Kings of Leon“, schoss es von der Seite als das erste Riff angespielt wurde. „NOFX nur mit italienischem Sänger“ – „Wie Queens of the Stoneage, nur psychedelischer. Plus Jimi Hendrix“.

Und Peter und Band, die? Vielleicht noch Helge Schneider. Außer Konkurrenz stach die Showband von Frontsau Peter komma der aus dem klassischen Quartettformat heraus und bot innerhalb von sechs Songs eine ganze Palette verschiedener Genres dar. Das kann schief gehen, tat es aber nicht.

Witz, Charme & Intelligenz

Peterkommader - Witz - Charme - IntelligenzPeter und Band, die präsentiert sich mit sich mit zeitgemäßem Witz ohne in Millenial-Plattitüden zu verfallen, mit erstaunlich intelligentem Humor, Charme und viel Selbstironie ohne dabei peinlich zu wirken. Sie griffen wichtige Themen der Gegenwart auf – wie z.B. der deutsche Rüstungsexport in Krisenländer mit einem dahinwaltzernden Frühlingslied, ohne unter der Last der Themen zu zerbrechen oder gar die Bürde als Schuld auf das Publikum zu übertragen.

Das Niveau fordert Aufmerksamkeit, da man sonst schnell unter dem Meta-Drescher Peter zum Gegenstand wird. Mit dem Song „Open Stage Bandcontest Sing Along Song“ beispielsweise nahm er mit Leichtigkeit und Spaß den eigenen Kontext auf die Schippe, ohne dass man sich als Zuhörer dabei vorgeführt fühlte. Stetes Mitlachen war garantiert – außer für die Bands vor oder nach Peter und die Band, die. Denn durch den lustigen Schritt zurück offenbarte Peter dem Publikum die Absurdität der Newcomer Bandmaschinerie, stellte sich dabei selbst heraus und nahm dabei das Publikum mit.

Die anderen Bands blieben in einer sturen Bühnenperformance gefangen, versuchten verzweifelt mit den Armen zu wedeln, zeigten harte Rockerattitüden, um die Immersion zu erhöhen und das Publikum zu fesseln. Wie Peter zeigte, geht das aber eben auch über Witz und eine große Portion Understatement und einer Band aus Charakteren:

Die Charaktere

Dirty Ralf - Peter und Band Komma Die, SO36

Auf der Rechten liebevoll als “Dirty Ralf“ tituliert sitzt ein zwei Meter großer Hüne nach vorne gebeugt auf einem Stuhl, vertieft in die Stahlsaiten seiner Heritage-Gitarre. Er ist das angenehme Understatement in Person und hebt auf liebevolle Weise das Niveau des Abends: Unauffällig und zurückhaltend stellt er in seinem Sein das Kontrastprogram zu den Power-Gesture-Rockern davor und danach.

 

Pianist Drac Ulala erinnert in seiner Skurrilität an Sergej Gleithmann. Ungewöhnlich inszeniert, mit Vampirmaske und langen Haaren, sitzt er still und kommentarlos und wird von Peter immer wieder als virtuoses Genie referenziert. Wo Peter den untoten Ausnahmekünstler wohl gefunden hat ahnt man im Stillen: Entweder an einer der U-Bahn-Station entlang der U8 oder in einem noch skurrileren Zusammenhang.

 

Frontfrau Antonia bildet einen ganzen Backgroundchor in einer Person. Charmant rettet sie Peter über den selbstironischen Chauvinismus hinweg und erlaubt es dem Frontduo so die möglichen Fallstricke in Titeln wie „Ich lass die Ladies reden“, „Waschputzfrau“ oder „White straight male sex against patriarchy“ gekonnt zu umgehen.

Der kahle Jack am Schlagzeug, die stoische, fast mystische Präsenz des Vollprofis Björn an der Trompete und die Stoner-Aura des Bassisten Dennis – ihnen allen gebührte mindestens noch ein weiterer Paragraf. Aber überspannen wir den Bogen mal nicht.

Klischees sterben nie

Am Ende war es beruhigend zu wissen, dass sich die Liederschreibermusik in Big-Band-Setting genug von den Klischees und Rockattitüden abhob, um eine Runde weiter ins Berlin-Finale eines internationalen Contests zu stolpern. Finale also für Peter und Band, die.

Das Publikum war begeistert und um es positiv zu formulieren, schaffte es keine Band des Abends mehr die Stimmung zu heben und das Engagement des Publikums auf natürliche Weise herauszufordern. Irgendwie auch fies, denn das bittere Geschmäckle eines Open Stage Song Contests Sing Along Songs hing einfach einmal in der Luft und wollte den Raum auch nicht mehr so richtig verlassen. Ein verdienter Erfolg für Peter und Band, die, die natürlich in einer solchen Kulisse nicht als Sieger des Abends, sondern nur als zweiter Platz von dannen gehen durften – dem Gott der Konformität musste genüge getan werden. Enttäuschend für den Rezensenten, es hätte mir mehr Genugtuung gegeben, sie vor den erstplatzierten, pseudo-tiefgründigen Deutschpoprockern mit den roten Gimmickkrawatten zu sehen – Klischees sterben eben nie.

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